„Aktuelles Thema – Mitarbeit erforderlich“

Dozentin: Andrea Rudolph-Hoffmann, M.A.; Diplom-Volkswirtin

Achtung: Termin geändert!
Termin: Do, 19.05..2022
von 8.30 bis 12.00 Uhr
Fit-Kom, Jahnstr. 9, 74354 Besigheim

Kosten: € 15 und für Furiosa-Mitglieder € 13

Frieden schaffen – mit/ohne Waffen?!

Seit Februar dieses Jahres beschäftigt uns der Ukrainekrieg. Viele Fragen treiben  uns seither  um und werden durchaus kontrovers diskutiert.
Ein wichtiges und interessantes Thema für unseren Workshop, der Austausch und Beantwortung mancher Fragen zum Ziel hat.
Einen Eingangstext, der uns als Impulstext gelten soll ist das Gespräch zwischen der Pazifistin Margot Käßmann und dem Militärbischof Sigurd Rink zu dem Thema: „Darf die Kirche kämpfen?“
Diesen Text findet ihr im Anhang und es wäre gut, wenn alle ihn als Vorbereitung auf unseren Workshop im Vorfeld lesen könnten.

Der Vormittag wird ein Wechsel zwischen Textarbeit in Gruppen  und Diskussion sein. Als Grundlage dient uns die Satiresendung „Die Anstalt“ vom 5.4.2022. Diese zeige ich in Abschnitten. Anschließend folgen Textarbeit und Diskussion im Plenum.
Ich freue mich auf einen interessanten Vormittag.

Andrea Rudolph-Hoffmann

Darf
die Kirche
kämpfen? 
Und soll sie sich für Waffenlieferungen
in die Ukraine einsetzen?
Ein Gespräch zwischen der Pazifistin
Margot Käßmann und dem
Militärbischof a.D. Sigurd Rink über
Selbstverteidigung, Schutzverantwortung –
und was das mit Ostern zu tun hat  

»Aber Waffen werden nicht die Lösung sein« 
»Es gibt ganz klar Grenzen des Pazifismus« 



Das Gespräch führte Evelyn Finger 
DIE ZEIT: Frau Käßmann, Herr Rink, in der Ukraine wurden schon über sechzig Kirchen zerstört, Pfarrer beerdigen ermordete Zivilisten, und Bischöfe beten für den Sieg. Ist die europäische Friedenspolitik am Ende?
Margot Käßmann: Nein! Der Krieg in der Ukraine ist furchtbar. Aber der Versuch, mit Russland in Frieden zu leben, war richtig. Das wird auch nach dem Krieg wieder nötig sein.
Sigurd Rink: Friedenspolitik kann scheitern, deshalb ist sie noch nicht falsch.
ZEIT: Aber zu viel Appeasement kann einen Aggressor stärken. Mittlerweile entschuldigen sich deutsche Spitzenpolitiker bis hin zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für ihre Nähe zu Moskau.
Rink: Ich glaube, bei diesen Entschuldigungen geht es in Wahrheit um etwas anderes. Unsere Politiker hielten einen klassischen Panzerkrieg nicht mehr für möglich. Der Ausbruch eines solchen Krieges in Europa wirkte lange so unwahrscheinlich wie einst eine deutsch-französische Verständigung. Dass unsere Friedensordnung zerbricht, ist bedrückend. Noch mehr aber deprimieren mich die Morde, die mit Kriegsführung nichts zu tun haben.
Käßmann: Der Schock ist, dass der Krieg so nah rückt. Dabei herrscht im Jemen seit sieben Jahren Krieg und in Syrien seit elf Jahren.
Margot Käßmann 
63, war Bischöfin und die erste Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihr erschien zuletzt »Stärkende Stille« (Herder Verlag)
Rink: Fatal war schon beim Krieg in Syrien und bei der Annexion der Krim, dass das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen, in Konflikte einzugreifen und Blauhelme zu schicken, gelähmt wurde durch die Vetorechte im Sicherheitsrat.
Käßmann: Die Friedensbewegung hätte seit der Annexion der Krim 2014 auf massive Sanktionen drängen sollen. Stattdessen nahm auch sie das Unrecht hin. Das war ein Fehler. Langfristig muss die Friedensbewegung noch mehr Verhandlungen, Mediation und Abrüstung einfordern.
ZEIT: Während der Westen über Waffenlieferungen streitet, fürchtet die Ostukraine eine russische Großoffensive. Soll Deutschland nun Waffen liefern? Und dürfen die Kirchen das befürworten?
Rink: Zweimal ja! Christen dürfen ihr eigenes Leben und das anderer mit der Waffe verteidigen. Ein Verteidigungskrieg ist ethisch legitim. Da die Ukraine sich verteidigt, dürfen die Kirchen auch Waffenlieferungen unterstützen.
Sigurd Rink 
61, war der erste hauptamtliche Militärbischof der evangelischen Kirche in Deutschland seit 1945. Er schrieb »Können Kriege gerecht sein?« (Ullstein)
Käßmann: Schon Luther sagt, dass ein Soldat »christlichen Standes« sein kann. Mich stört aber: Wenn ich derzeit sage, dass immer mehr Waffenlieferungen am Ende keinen Frieden bringen, werde ich beschimpft als dumm und naiv. Jetzt den Pazifismus zu verdammen, weil man nicht weiß, wie man den Krieg stoppen soll, das ist falsch.
ZEIT: Fühlen Sie sich als Pazifistin widerlegt, Frau Käßmann?
Käßmann: Nein! Ich bin ja keine Radikalpazifistin.
ZEIT: Aber Sie haben das Militärische immer abgelehnt und dafür öffentliche Prügel riskiert.
Käßmann: Natürlich würde ich gern in einer Welt ohne Armeen leben. Meine Sehnsucht ist ein Frieden ohne militärische Abschreckung.
ZEIT: Sind Sie jetzt für Waffenlieferungen?
Käßmann: Nein! Ich bin gegen Waffenlieferungen. Ich verstehe Selenskyjs Wunsch. Aber Waffen werden nicht die Lösung sein, sondern Friedensverhandlungen. Manche warnen, der »Blutzoll« der Russen müsse hoch sein, damit sie verhandeln. Entsprechend hoch wird der »Blutzoll« der Ukrainer sein. Wobei der Begriff grauenvoll ist.
Rink: Es gibt ganz klar Grenzen des Pazifismus. Ich habe als Militärbischof von 2014 bis 2020 alle 15 Einsatzorte der Bundeswehr bereist, darunter Mali, Afghanistan und der Irak. Unsere Soldaten waren dort, um mehr Gewalt zu verhindern. Ich glaube nicht, dass die Ukraine allein die Kraft hat, die Russen im Osten des Landes zurückzudrängen. Daraus kann ein jahrelanger Krieg mit hohen Verlusten entstehen.
Käßmann: Ich war entsetzt, wie schnell ein »Sondervermögen« von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr hervorgezaubert wurde. Mir sagte jemand: Wissen Sie denn, wie marode unsere Kasernen innen aussehen?! Da habe ich entgegnet: Wissen Sie, wie unsere Schulen innen aussehen?! Für mich wäre es zukunftsweisender, wenn 50 Milliarden in Rüstung und 50 Milliarden in Bildung und Klimastrategie investiert werden.
»Was mich in Deutsch­land jetzt stört, das ist die Verteu­felung aller Russen. Ich kenne Kinder in Hannover, die werden in der Schule gemobbt«
Margot Käßmann 
ZEIT: Ist das jetzt fair, Bundeswehr und Bildung gegeneinander auszuspielen?
Käßmann: Ich bin dafür, die Bundeswehr anständig auszustatten, aber vorher würde ich gern wissen, wo die erheblichen Militärmittel der letzten Jahre geblieben sind.
ZEIT: Der katholische Bischof Heiner Wilmer, Vorsitzender der Kommission Justitia et Pax, fordert »kluge Waffenlieferungen«. Was heißt klug?
Rink: Martin Luther hat das nach den Verheerungen der Bauernkriege so beantwortet: Als Christenmensch muss ich nach den Geboten der Bergpredigt die andere Wange hinhalten und Unrecht leiden. Gleichzeitig muss ich die schützen, die mir anvertraut sind. Daher kommt die Idee des gerechten oder gerechtfertigten Krieges. In der Ukraine muss die Völkergemeinschaft jetzt ein bedrängtes Volk dabei unterstützen, sich zur Wehr zu setzen. Dem sollten die Kirchen nicht im Weg stehen.
ZEIT: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen war bislang gegen jede Intervention. Ich frage mich, ob sie für Gegenwehr wären, wenn sie selbst gegen die Russen kämpfen müssten.
Käßmann: Ich sehe das nicht so zynisch und bin dankbar, dass Stoltenberg an der Spitze der Nato sich nicht provozieren lässt. Allerdings glaube ich nicht, dass man eine klare Grenze zwischen Verteidigungswaffen und Angriffswaffen ziehen kann. Meine Sorge ist: Plötzlich sind wir Kriegspartei.
Rink: Ich gebe zu, dass die »Koalition der Willigen« bei Verteidigungseinsätzen oft Schlimmes bewirkt hat. Auch ein Verteidigungskrieg bleibt ein blutiger Notbehelf. Aber Nichtstun geht nicht. Deshalb gibt es eine Schutzverantwortung der Vereinten Nationen, die berühmte responsibility to protect.
Käßmann: Ich habe im Jugoslawien-Konflikt erlebt, wie die serbisch-orthodoxe Kirche zu den Waffen rief. Ich habe damals vergewaltigte Frauen in Flüchtlingslagern besucht. Es ist klar, dass man Aggressoren stoppen muss. Aber es ist auch klar, dass es keinen sauberen Verteidigungskrieg gibt. Was mich in Deutschland jetzt stört, das ist die Verteufelung aller Russen. Ich kenne Kinder in Hannover, die werden in der Schule gemobbt. Zugleich schämen sich ihre Eltern für prorussische Autokorsos.
Rink: Kollektive Ächtung ist immer falsch. Als Christ darf ich Andere nicht über einen Kamm scheren. Und Deutsche russischer Herkunft werden noch wichtig sein, um die Brücken zu den Ukrainern, die jetzt mit Gewalt eingerissen wurden, wieder aufzubauen.
»Mich bewegt, wie Ukrainer, die schon lange in Deutsch­land leben, mit ihren Verwand­ten in der Heimat leiden. Für sie scheint der Krieg fast schwer­er zu ertragen, als wenn sie vor Ort wären«
Sigurd Rink 
Käßmann: Ich finde es auch falsch, dass jetzt deutsche Städte und Universitäten ihre Partnerschaften mit Russland aufkündigen. Ich war unter anderem als Präsidentin der Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerer in Moskau. Wenn wir jetzt alle Kontakte kappen, wer unterstützt dann noch die Soldatenmütter, die in Putins Angstgesellschaft zum Schweigen gebracht werden?
Rink: Die Kirchen haben bei der Prävention des Krieges viel versäumt. Das Miteinander von West und Ost war nicht zu viel, sondern zu wenig. Jetzt fehlen uns direkte Wege der Einflussnahme.
ZEIT: Was will die evangelische Kirche denn nun eigentlich: Waffen für die Ukraine oder keine Waffen oder ein paar Waffen?
Rink: Ich sehe keine einheitliche Position.
Käßmann: Annette Kurschus, die neue Ratsvorsitzende der EKD, lehnt Waffenlieferungen nicht kategorisch ab. Der Friedensbeauftragte der EKD, Friedrich Kramer, ist dagegen. Das ist gut evangelisch: Es gibt nicht die eine Meinung.
ZEIT: Ihr Vorgänger an der Spitze der deutschen Protestanten, der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, hat einmal gesagt: ›Das Gebot Du sollst nicht töten beinhaltet auch das Gebot Du sollst nicht töten lassen.‹ Warum haben Christen überhaupt ein Problem mit Verteidigungskriegen?
Käßmann: In der Passionsgeschichte sagt Jesus zu einem der Jünger, der ihn mit dem Schwert verteidigen will: Steck das Schwert an seinen Ort! Jesus entscheidet sich für das Kreuz und für absoluten Gewaltverzicht.
ZEIT: Haben die Kirchen schon alles gegen diesen Krieg getan, was sie konnten?
Käßmann: Der Ökumenische Rat der Kirchen hat den Moskauer Patriarchen Kyrill aufgefordert, sich gegen den Krieg zu stellen. Vergeblich. Nun fordern gut 260 ukrainisch-orthodoxe Priester Kyrills Amtsenthebung. Zugleich distanzieren sich immer mehr russisch-orthodoxe Priester von Putin.
»Martin Luther King hat zuge­geben, das Gebot ›Liebet eure Feinde‹ sei das Schwer­ste, was Jesus uns hinter­lassen hat«
Margot Käßmann 
ZEIT: Das ist lebensgefährlich. Soeben ist der Moskauer evangelisch-lutherische Bischof nach Deutschland geflohen.
Käßmann: Es ist ungeheuer mutig, auch dass der Metropolit Onufrij in Kiew, der dem Patriarchen Kyrill offiziell untersteht, den Krieg sofort als Brudermord verdammt hat. Selbst das Regierungsblatt Prawda musste jetzt zugeben, dass schon mehr als 9000 russische Soldaten starben.
Rink: Ich finde das Wort von »Putins Krieg« übrigens verharmlosend. Es ist ein Krieg der Russischen Föderation, die zum autoritären Führerstaat geworden ist.
Käßmann: Ich persönlich hatte mit Kyrill immer Probleme. 2002 verließ ich den Ökumenischen Rat der Kirchen, weil er die reaktionären Positionen der russisch- orthodoxen Kirche tolerierte. Da hätte im christlichen Dialog mal Konfrontation gutgetan.
ZEIT: Was würden Sie tun, wenn Ihr eigenes Land angegriffen würde?
Käßmann: Ich weiß es nicht. Das kann doch auch niemand vorab wissen. Für mich ist Jesus maßgebend, der sagt: »Selig sind, die Frieden stiften.« Und: »Betet für die, die euch verfolgen.« Martin Luther King hat zugegeben, das Gebot »Liebet eure Feinde« sei das Schwerste, was Jesus uns hinterlassen hat.
Rink: Mich bewegt, wie Ukrainer, die schon lange in Deutschland leben, mit ihren Verwandten in der Heimat leiden. Für sie scheint der Krieg fast schwerer zu ertragen, als wenn sie vor Ort wären. Außerdem sorge ich mich um jene Landstriche in der Ukraine, die in den letzten hundert Jahren mehrfach verheert wurden, erst unter Stalin, dann durch die Nationalsozialisten. Dort sind Angst und Schrecken ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Aus der Soldatenseelsorge weiß ich, wie schrecklich Retraumatisierung sein kann.
Käßmann: Mir erzählen sonntags an der Kirchentür alte Menschen, wie sie als Kinder den Weltkrieg erlebt haben. Das Verdrängte kommt mit Macht zurück. Ich denke auch an meine Mutter. Sie war Krankenschwester während der Bombenangriffe in Berlin und dann zwei Jahre interniert. Mein Vater wurde mit 18 zur Wehrmacht eingezogen und war 25, als der Krieg endlich endete.
ZEIT: Herr Rink, Sie arbeiten jetzt bei der Diakonie. Ist das Hilfswerk in der Ukraine präsent?
Rink: Natürlich! Die Diakonie Katastrophenhilfe ist unser Brückenkopf für humanitäre Hilfe in der Ukraine und auch für die Flüchtlingsströme aus der Ukraine. Besonders am Herzen liegen mir dabei die Alten, Gebrechlichen, Behinderten.
Käßmann: Meine Spenden gehen fast alle an die Diakonie. Bei der Katastrophenhilfe funktionieren unsere kirchlichen Netzwerke. In Deutschland beobachte ich allerdings, dass Familien, die Geflüchtete aufgenommen haben, bereits an ihre Belastungsgrenze kommen. Der Staat darf sich nicht auf private Helfer verlassen.
ZEIT: In Odessa feierte ein Bischof trotz Bombenalarms Gottesdienst und machte seinen Leuten Mut: Nicht nur Putin habe Pläne, auch Gott habe Pläne. Was sagen Sie Ihren Leuten zu Ostern?
Rink: Jesus durchlitt am Gründonnerstag die tiefste Einsamkeit und am Karfreitag den Abgrund des Schmerzes. Er wurde zu Tode gemartert, aber dann kam der unglaubliche Umschwung – seine Auferweckung. Also: Selbst in der düstersten Zeit gibt es Hoffnung auf Licht. Für mich hat Ostern selten so zur politischen Lage gepasst wie jetzt.
Käßmann: Ich singe seit Kriegsbeginn in jedem Gottesdienst mit der Gemeinde ein Lied von Schalom Ben-Chorin. Er floh vor den Nazis nach Israel und war ein großer Versöhner. Sein Lied handelt von der Hoffnung auf Leben und Frieden. Er hat es 1942 geschrieben, es geht so: »Freunde, dass der Mandelzweig wieder Blüten treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering, in der trübsten Zeit.«
Fotos (v. o.): Evelyn Dragan (Ausschnitt); Paula Winkler für DIE ZEIT